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Der Kampf gegen das Limit von Kopf und Körper

 

Den vielleicht schwierigste Gegner im Sport ist der Kopf. In Deutschland sind jedes Jahr etwa 27,8 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen. Das entspricht rund 17,8 Millionen Menschen. Denn: Jede*r mit einer Psyche, kann psychisch krank werden. Also alle von uns.


Darunter sind natürlich auch Sportler*innen. Nils Petersen (zuletzt FC Freiburg) hat seine Karriere nach der letzten Saison beendet und berichtet in seinem Buch “Bankgeheimnis - Selbstgespräche eines Fußballprofis” von seinen psychischen Problemen. "Wir Fußballer werden ja immer damit in Zusammenhang gebracht, dass es uns immer gut geht, sagte Petersen zu SWR Sport. "Weiße Schuhe, gegelte Haare. Aber da ist eben nicht alles immer rosarot."


(Credit: ARD Doku) Diese Erfahrung hat auch Profi-Fußballerin und Ex-Nationalspielerin Carina Schlüter gemacht, wie sie in der ARD-Doku “Was uns wirklich bewegt: Mentale Gesundheit im Sport” berichtet. “Die Depression ist die schlimmste Verletzung, die ich jemals hatte”. Doch Carina Schlüter hat es geschafft! Aus der Klinik in die Champions-League.

Den Gegner im Kopf kenne auch ich nur zu gut. Ich habe eine wiederkehrende Depression. Niedergedrückte Stimmung oder Gefühlsleere und Antriebslosigkeit sind nur zwei der zahlreichen Symptome. Was mich als begeisterte Hobbyathletin zusätzlich fertig macht, ist das Symptom der psychomotorischen Hemmung. Beim Ausdauertraining macht sich eine lähmende Verlangsamung meiner Bewegungsabläufe bemerkbar, als würde ich Gewichte hinter mir herziehen. Ich muss jeden Schritt und jeden Atemzug denken und aus mir herauspressen. Als würden die Signale aus dem Gehirn nicht in den Muskeln ankommen, meine Beine fühlen sich dann völlig leer an.


Diese Trainingserlebnisse sind traumatisch. Sie gleichen einem Kontrollverlust über den eigenen Körper. Anschließend verspüre ich tagelang diffuse Schmerzen, als wäre mein Körper ein Korsett aus Muskelkater. Trotzdem versuche ich meine sportlichen Aktivitäten während depressiver Episoden so gut es geht aufrechtzuerhalten, da Sport eine meiner wichtigsten Bewältigungs-strategien ist. Allerdings ist an manchen Tagen nicht mal mehr ein langsamer Spaziergang ohne völlige Erschöpfung möglich. Was passiert dabei im Gehirn? Und wie schaffen das Menschen, deren Job der Sport ist?!? Darüber habe ich im Blog für FC Viktoria Berlin geschrieben. +++Hier geht es zum Artikel.+++

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Aktualisiert: 24. Okt. 2023

Warum Geschlechterklischees krank machen können

 

Wir alle empfinden Angst. Ob bei einem Blick aus weiter Höhe oder in der finstersten Dunkelheit. Angst gehört zum Leben dazu. Sie ist ein wichtiges Signal, das uns vor Gefahren warnt und schützt - sozusagen ein evolutionärer Mechanismus, der unser Überleben sichert. In brenzligen Situationen werden durch Angst Stressreaktionen im Körper ausgelöst. Die Hormone Kortisol und Adrenalin werden ausgestoßen, Puls und Blutdruck steigen, eine Portion Extra-Sauerstoff im Gehirn erhöht die Konzentrationsfähigkeit. Angst kann sogar als Ressource genutzt werden, weil sie unsere Aufmerksamkeit auf wichtige Themen lenkt. Negative Gefühle zeigen Probleme oder Bedrohungen an. Das kann uns dazu veranlassen genauer zu analysieren und bessere Entscheidungen zu treffen. Angst ist also ein effizientes Werkzeug für Wachstum, wenn man es zum Beispiel schafft, die eigene Schüchternheit zu überwinden und somit das Selbstvertrauen zu stärken. Bis hierhin ist alles gut.

Doch das natürliche Empfinden kann im Extremfall auch zu einer unsichtbaren Last werden und krank machen. Wenn die Schutzfunktion zur Lähmung wird und das alltägliche Leben erschwert, ist von einer ernstzunehmenden Angststörung die Rede. Manche Patient*innen sehen sich nicht mehr imstande, das Angstgefühl zu bewältigen, es wird als unkontrollierbar empfunden - so dass sie schon vor der Angst als solches Angst bekommen. „Angststörungen kommen meist dann, wenn der eigene Körper ein- oder angespannt ist“, so Dr. Jens Förster – Sozialpsychologe und systemischer Therapeut. Angststörungen gehören noch vor den Depressionen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen überhaupt. Allein in Europa leiden rund 60 Millionen Menschen daran, ungefähr zwölf Millionen sind es in Deutschland, Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer. Jedoch ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt. Insbesondere bei Männern werden Angststörungen noch immer tabuisiert.


Zusammen mit Autor und Journalist Olivier David sowie Musiker und Schriftsteller Nicholas Müller, ehemals Sänger der Band Jupiter Jones, durfte ich Teil einer Aufklärungskampagne der Krankenkasse IKK Classic zum Thema Angst sein. Im Video geht es um die Fragen, was das Geschlecht mit der Angst zu tun hat, welche Angsstörungen es gibt und was man dagegen tun kann.



 
+++HILFSANGEBOTE+++

Erste Anlaufstelle sind die/der Hausärztin/Hausarzt oder der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117. Weitere Informationen und Hilfsangebote findest du beim Verein Deutschen Angst-Hilfe eV. Mehr Wissenswertes zum Thema gibt es auch auf der IKK classic-Webseite #IKKclassic #Angststörungen #PsychischeGesundheit #BundesweitenWocheDerSeelischenGesundheit #Angst #Männlichkeitsbilder #Entstigmatisierung #ToxischeMännlichkeit #Psychologie

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Warum Selbstfürsorge Grenzen hat


 

"Ich versinke in mir wie im Sumpf. Und es fehlt mir der Schopf, mich rauszuziehen...

Abgeflachte Gefühle. Wenn ich krank wäre, wäre ich gerettet. Ich spüre eine unbedingte Anwesenheitspflicht im eigenen Leben, die ich nicht erfüllen kann. Ich würde es gerne schaffen, morgens aufzustehen und mir die Zähne zu putzen. Man wird ja bescheiden. Mir die Haare zu waschen und das Haus zu verlassen ist fortgeschritten. Wenn ich es jetzt noch schaffen würde, Pickel in Ruhe zu lassen. Aber meine Stärken sind zu schwach.”

(Aus "Spinnst du? Warum psychische Erkrankungen ganz normal sind"; rowohlt)



Ich leide an wiederkehrenden Depressionen. Neben Medikamenten und Therapien versuche ich auch stets, mir selbst zu helfen. Dieses Anliegen der Selbstfürsorge kannten sogar schon die alten Griechen. “Epimeleia heautou” war lange Thema der Philosophie. Wer um sich selbst Sorge trägt, müsse mit Hilfe von Übungen an sich arbeiten, den Blick nach innen wenden, um so die Wahrheit zu erlangen, die in uns liegt. Aha. Die zeitgenössische Idee der Selbstfürsorge um sich selbst klingt da schon etwas knackiger: Self-care. Du bist gestresst? Geh mal wieder zur Massage. Du fühlst dich permanent überfordert? Social-Media-Pause! Müde? Ab ins Spa! Wenn das alles nicht hilft: Ayurveda! Letzte Ausfahrt vorm Burn Out: Meditationsretreat. Dabei ist Selbstfürsorge so viel mehr. Nämlich eine Auseinandersetzung mit der eigenen Verletzlichkeit, Schwäche, Angst und mit der eigenen Selbstverantwortung! Aber ist das Sich-um-sich-selbst-sorgen die Antwort auf alles? Spoiler: Nein!

Kümmern als Kampf

Die Idee der Selbstreparatur ist so allgegenwärtig, dass ich mich frage, ob wir das, worauf sie abzielt, überhaupt noch können: vollumfänglich für uns selbst zu sorgen. Schließlich geht es in unseren alltagsfeministischen Debatten doch allzu oft um Care-Arbeit, die für andere abzuleisten ist. Zum Beispiel für die Kinder oder zu pflegende Angehörige. Wenn neben der Erwerbstätigkeit schon dafür zu wenig Zeit vorhanden ist, wann soll ich mich dann bitte noch um mich selbst kümmern?

Es ist für ein System aus vielen äußerst bequem, die Arbeit um den Erhalt des Wohlbefindens ausschließlich aufs Individuum abzuwälzen. Ich fühle mich dabei wie eine alleingelassene Musterschülerin. Mehr Sport, gesünder Essen, weniger am Handy daddeln, genügend schlafen – was ich nicht alles mache… Wer sich selbst beherrscht, ist ein besserer Mensch oder führt ein besseres Leben. Das wird uns ja oft suggeriert. Ich habe sogar das Gefühl, noch mehr tun zu müssen, als andere. Allein, um gesund zu bleiben.

Salutogenese – die Gesunderhaltung ist eine lebenslange Aufgabe für mich geworden. Vor lauter Selbstfürsorge habe ich gar keine Zeit mehr zum Leben. Und ich habe nicht mal Kinder! Trotzdem ist da das Gefühl, dass mich mein (Arbeits-)Leben rechts außen überholt. Am Ende des Geldes ist immer noch so viel Monat übrig – dafür später umso weniger Rente.

„We’re living in a society that makes it really difficult for you to prioritize your mental health and your well-being, so we’re constantly fighting”, sagt Dr. Pooja Lakshmin, Psychiaterin und Autorin des Buchs „Real Self-Care: A Transformative Program for Redefining Wellness.”

Sich um sich selbst zu kümmern ist also ein konstanter Kampf.

Kümmern um den Körper

Self-care wird oft als Gegenentwurf zur Selbstoptimierung gesehen. Die britische Psychoanalytikerin Susie Orbach beschreibt in ihrem Buch “BODIES – Im Kampf mit dem Körper”, dass wir unsere Leiber heute oftmals nur noch formen, fabrizieren und optimieren wollen. Was wir dabei vergessen, ist das Spüren.

  • Wie ist es in meinem Körper zu leben, ihn richtiggehend zu bewohnen?

  • Welche Gefühle erzeugt er?

  • Wie kann ich ihn hegen und pflegen?

Denn: Will ich mental gesund bleiben, muss ich beim Körper anfangen. Beim Joggen, Radfahren oder Yoga geht es mir nicht um die Oberflächenbeschaffenheit meiner Schenkel. Ich muss mich bewegen, um Stress und Spannungen abzubauen, fitter und widerstandsfähiger zu werden. Ich wappne mich damit ein Stück weit für den Alltag.

Denn: Sportwissenschaftler:innen der Universitäten Basel und Göteborg belegen, dass körperliche Fitness vor Gesundheitsrisiken durch Berufsstress schützt. Mit einem Fahrradergometer ermittelten die Forschenden die Fitness von knapp 200 Berufstätigen, die außerdem über ihren Stress im Job Auskunft gaben. Das Ergebnis: Gestresste Beschäftigte hatten unter anderem alarmierende Werte bei Blutdruck, Body-Mass-Index und Cholesterin – es sei denn, sie bewegten sich ausreichend.

Das schädliche LDL-Cholesterin der gestressten Beschäftigten, die körperlich wenig fit waren, überstieg den klinischen Grenzwert. Währenddessen lagen die Werte der gestressten, aber fitten Proband:innen im Normbereich. „Diese Befunde sind vor allem deshalb wichtig, weil Menschen gerade bei Stress dazu neigen, sich weniger häufig körperlich zu betätigen“, so Studienleiter Markus Gerber.

Warum sollen wir in unserer Freizeit dafür trainieren, die Gesundheitsrisiken des arbeitsbedingten Stresses abzumildern? Ist das dann nicht schon wieder Arbeit, bzw. Training für den Berufsalltag, anstatt sich aus Spaß an der Freude abzustrampeln? Und überhaupt: Warum neben den Symptomen nicht auch gleich die Ursache angehen – den Stress!

Als bei der Videoproduzentin und zweifachen Mutter Rebekka extremer Bluthochdruck festgestellt wird, ist klar: Es muss sich etwas ändern. Das wurde ihr im Coaching bei meiner Kollegin Johanna Fröhlich Zapata schnell klar. Davon erzählt Rebekka auch in unserem Podcast “Die Alltagsfeministinnen” in der Folge “Diagnose Patriarchat – Warum Feminismus gut für die Gesundheit ist”.


Self-Care im Job

Insgesamt sollten wir eindämmen, was uns krank macht und fördern, was wir als selbsterweiternd empfinden. Doch nicht alles lässt sich im Privaten lösen. Dabei gäbe es auch gegen Stress bei der Erwerbsarbeit geeignete Mittel und Wege.

Heutzutage wird der Zeitaufwand für Lohnarbeit kaum infrage gestellt. Doch wer bestimmt eigentlich über unsere Zeit und wie können wir wieder mehr Autonomie über unsere Zeit gewinnen? Damit befasst sich auch die Autorin Teresa Bücker in ihrem Buch “Alle Zeit – Eine Frage von Macht und Freiheit“. Die Forderungen nach Homeoffice, Viertagewoche oder 5-Stunden-Tag klingen oftmals noch zu sehr nach Utopie. Wenn das nicht geht, dann wären doch zumindest eine gerechte Aufteilung von Aufgaben sowie eine faire Bezahlung ein Anfang. Und wenn ich mir was wünschen dürfte, kämen gelingende Kommunikation und eine wertschätzende Atmosphäre im Betrieb noch on top.

Gibt es solche Jobs oder müssen wir sie uns basteln?

Foto: Mallaun Markus

Die Psychologin Dr. Rebecca Brauchli forschte viele Jahre am Zentrum für Salutogenese der Universität Zürich zu Arbeit und psychosozialer Gesundheit. Dazu ist sie der Frage nachgegangen, wie Menschen ihre Gesundheit aktiv fördern können. Ein Augenmerk legte sie dabei auf das sogenannte Job-Crafting. Das Basteln am Job, so dass er sinnhaft, ja sogar sinnstiftend sein kann. Es geht darum, das Arbeitsumfeld den eigenen Bedürfnissen entsprechend zu formen, “indem man beispielsweise aktiv zum Vorgesetzten geht und um Feedback fragt und damit die Arbeit gestaltet”, so Dr. Brauchli.


In einem Routine-Job, der einem nicht so viel gibt, empfiehlt die Psychologin, sich aktiv Aufgaben zu suchen, die für einen selbst mehr Sinn generieren. “Man kann z. B. ein Fest fürs ganze Team organisieren und einen Anlass schaffen, der dann den Teamzusammenhalt fördert. Das Konstrukt Job-Crafting fasst viele kleine Einzelmaßnahmen zusammen, denen gemeinsam ist, dass sie vom Individuum ausgehend selbst gesteuert sind und eigeninitiativ umgesetzt werden.”

Das eigene Leben aktiv zu gestalten fördert das sehr heilsame Gefühl der Selbstwirksamkeit. Ich kann mir selbst etwas Gutes tun. Aber natürlich auch nur im Rahmen der Möglichkeiten. Ein Firmenfest zu organisieren kann auch überfordern. Empfehlenswert ist der Forschung zufolge, sich gut von der Arbeit abzugrenzen.

Ein Nein zu anderen ist ein Ja zu sich selbst

Was klingt wie ein abgedroschener Kalenderspruch, ist für mich einfach klare Kante. Ich höre oft, “wow, wie mutig” dieses oder jenes abzulehnen, auszuschlagen oder abzuschmettern, wenn es um Jobs oder zusätzliche Aufgaben geht. Eigene Grenzen erkennen, respektieren und gegenüber anderen verteidigen und sich immer wieder erklären müssen, ist für mich persönlich am schwierigsten. Wiederholt und konsequent lehne ich Dinge, die ich mir in manchen Momenten einfach nicht zutraue oder nicht aufhalsen will, rundheraus dankend ab. Damit ich mich nicht überfordere, nicht aus dem Gleichgewicht gerate, nicht wieder krank werde. Doch ich habe die Erfahrung gemacht, dass einfaches Nein-Sagen manchmal nicht reicht. Was ist denn bitte an der zusätzlichen wöchentlichen Feedbackrunde oder der Telefonkonferenz auch so schlimm? Da muss man schon „NEIN“ sagen und mit heroischer Entschlossenheit und Heldeninnenmut die eigenen Freiräume verteidigen! Wir sollten das eigene Nein bejahen: JA, ich will NICHT!

Früher war ich konfliktarm in meinen Bedürfnissen, habe vieles mit mir selbst ausgemacht und zu oft JA gesagt. Menschen mit Depressionen neigen oft zu pflichtbewusster Aufgabenerfüllung, ohne auf die eigenen Bedürfnisse zu achten oder legitime Grenzen zu ziehen. Es fiel auch mir schwer, mich von Anforderungen und Ansprüchen anderer zu distanzieren. Einmal ein JA an der falschen Stelle macht das nächste NEIN schwieriger. Manchmal verliere ich dabei den Unterschied zwischen Wollen und Sollen aus den Augen. In problematischen Situationen neige ich dazu, mich zurückzuziehen. Doch der Weg des geringsten Widerstands schwächt am meisten. Deswegen war ich für andere oft ziemlich pflegeleicht. „Ein Mensch, der pflegeleicht ist, repräsentiert nicht sich, sondern die Erwartungen seiner Umwelt, nicht viel Mühe mit ihm haben zu müssen, nicht viel Aufhebens um ihn machen zu müssen“, schreibt Miriam Meckel in ihrem „Brief an mein Leben“. Wenn ich früher ein Baumwollschlüppa war, den man bei 90 Grad kochen konnte, bin ich jetzt eine Seidenbluse, die nach Handwäsche verlangt. Ich übe jeden Tag, die Bedürfnisse und Anforderungen anderer nicht über meine eigenen zu stellen. Meine persönliche Notwendigkeit des NEIN-Sagens stößt bei vielen sicher auf Unverständnis oder wird fälschlicherweise als Freiheit interpretiert. Aber eine wirkliche Wahlfreiheit empfinde ich dabei nicht. Und Abgrenzung allein hilft ja auch nicht. Man muss sich auch bewusst entspannen (können) – noch so eine typische Strategie aus der Stressbewältigung.

Die Macht der Muße

Auch ein Vorbild in Sachen Muße: Mein Kater Elmo

Muße scheint in unserer funktional ausgerichteten Leistungsgesellschaft keinen Platz zu haben. Freie Zeit und innere Ruhe, um den eigenen Interessen nachzugehen? Oder gar Untätigkeit? Fehlanzeige.

Doch dabei bietet der Zustand der Muße erst die Möglichkeit, etwas zu tun, ohne es zu müssen. Das ist Freiheit. Meine Mutter hat ihr Leben lang als Erzieherin und Lehrerin gearbeitet. Nach Feierabend lag sie manchmal stundenlang zuhause auf der Couch und hat einfach Löcher in die Luft gestarrt. “Ich wohne die Miete ab”, hat sie dann immer gesagt. Einfach mal wohnen, einfach mal nur da sein. Das kann nicht jede:r.





Manche Menschen haben regelrecht Angst vor der Entspannung. Psycholog:innen sprechen auch vom Phänomen der entspannungs-induzierten Angst. Studien zufolge sind davon immerhin 15% aller Menschen betroffen. Meditation, autogenes Training oder einfach nur mal ein Nickerchen in der Hängematte? Was eigentlich der Entspannung dienen soll, kann auch das Gefühl hervorrufen, wichtige Aufgaben zu vernachlässigen. “Ich müsste doch eigentlich die Wäsche…”. Oder das Gefühl von FOMO: “Fear of missing out” – die Angst etwas zu verpassen, lässt grüßen!


Ich persönlich leide an einer Ungeduld mit dem Status Quo des Lebens. Das führt dazu, dass ich alles, was ich tue, richtig und gut und intensiv machen will. Man lebt schließlich nur einmal. Das fühlt sich für mich allerdings manchmal auch an wie ein Stundenplan, der Stetigkeit und Konsistenz der Leistungsfähigkeit und der Gemütslage voraussetzt.

Gerade Menschen mit Depressionen neigen zu negativen Gedanken und zu Grübelschleifen. Es nutzt natürlich überhaupt nichts, wenn man sich selbst fertig macht. Statt sich zu verurteilen, dass man dieses und jenes gerade nicht erledigt, hilft es eher zu versuchen, so mit sich umzugehen wie mit einer Person, die man liebt. Nur leider kann ich das in Krankheitsphasen nicht. Durch negative Gedankenspiralen versetze ich mich selbst in eine negative Stimmung. Das hat den vermeintlichen Vorteil, dass das emotionale Wechselbad ausbleibt, wenn wirklich etwas Negatives passiert. Ich bin dann nicht enttäuscht, sondern quasi nur unterrascht. Bin ich aber entspannt und werde mit einem belastenden Gedanken konfrontiert, ist das ein schmerzhafter Kontrast der Gefühle. Damit das nicht passiert, vermeiden es Entspannungsängstliche vorsorglich, sich zu entspannen. Ein Teufelskreis.

Für wieder andere erscheint Entspannung zum Selbstzweck sinnlos. Weil sie dieser Zeit keinen Nutzen zuschreiben. Menschen, die sich zwar Freizeitaktivitäten widmen, diese aber eher als Zeitverschwendung einstufen, können sogar gestresster und unglücklicher sein. Es kommt also nicht nur darauf an, wie oft und wie lange wir uns entspannen, wir müssen uns Pausen auch wirklich bewusst gönnen!

Mir gefällt der Begriff der „absichtsvollen Absichtslosigkeit“, den der Soziologe Dr. Hans-Georg Soeffner geprägt hat. Da schließt sich der Kreis zu Self-Care. Selbstfürsorge hat etwas mit Selbstliebe zu tun. Ich habe gelernt, wenn andere nicht nett zu mir sind, muss wenigstens ich nett zu mir selbst zu sein. Frei nach den Motti “Self-love is the greatest middle finger of all times” (Susan Hyatt) oder “I can love me better than you can” (Miley Cyrus) müssen wir es uns erlauben, Pausen zu machen.


Foto: xing.com/profile/Michael_Micic

JA, ich darf NICHTS tun. Der Business- und Life-Coach Michael Micic sagt: “Aus der Haltung und der Geborgenheit des Nicht-Leisten-Müssens entsteht erst die Freiheit zum freiwilligen Leisten-Können und -Wollen.” Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen: Wir haben uns völlig unabhängig von Produktivität oder Leistungsfähigkeit einen fürsorglichen Umgang mit uns selbst verdient!





Wem das als Argument für Müßiggang noch nicht reicht, wer sich in der Ruhe immer noch faul vorkommt, dem sei gesagt: Auch mentaler Müßiggang ist harte Arbeit – für das Gehirn! In Ruhe verbraucht es fast genauso viel Energie wie beim Lösen anspruchsvoller Aufgaben. Es schaltet ja nicht ab, nur um. Die Gruppe von Hirnregionen, die beim Nichtstun aktiv wird, nennt man Default Mode Network. Das Ruhezustandsnetzwerk wird mit Tagträumen und Gedankenreisen assoziiert, es unterstützt also die nach innen gerichtete Aufmerksamkeit.

Wenn wir dem Gehirn Zeit und Kapazitäten lassen, tauchen Erinnerungen auf oder wir reflektieren und bewerten erlebte Situationen erneut. Dies ermöglicht es uns, Haltungen und Standpunkte zu überprüfen oder festzulegen. Man vermutet sogar, dass dieses „Gedanken-Schweifen lassen“ wichtig ist für die Identitätsbildung und die Antwort auf Fragen wie „Wer bin ich?“ „Was bin ich?“ „Wie stehe ich zu einer Sache?“ In Bezug auf Selbstfürsorge kann man sich auch fragen: “Was ist mir heute möglich?” oder “Was ist jetzt in diesem Moment wichtig für mich?”

Von Self-care zu We-care

Wenn äußere Pfeiler wanken, müssen die inneren verstärkt werden. Self-care bedarf Achtsamkeit in Sachen eigener Bedürfnisse, Gefühle und Wünsche. Für die Autorin Svenja Gräfen („Radikale Selbstfürsorge – Jetzt!“) hatte Self-care lange Zeit etwas Egoistisches. Dabei ist es durchaus feministisch, gut zu sich selbst zu sein, erklärt sie in einem Interview:



“Natürlich ändert sich nicht automatisch gesellschaftlich etwas, wenn ich mir persönlich etwas Gutes tue. Aber für mich zu sorgen in einem System, das mich ausbeutet und unterdrückt, hat eine feministische und politische Dimension. (…) Ich nehme mir auf diese Weise den Raum, der mir durch diskriminierende Strukturen nicht unbedingt zugesprochen wird. Und sei es zunächst bloß ein mentaler Raum, etwa weil zwischen Lohn- und Carearbeit keine Zeit bleibt, um zum Beispiel zum Sport zu gehen.”

Aber gibt man sich auf diese Art nicht stillschweigend mit den bestehenden Strukturen zufrieden? Auch wenn man Selbstfürsorge als Teil aktivistischer Arbeit ansieht, um nicht in einen “Activist-Burn-out” zu rutschen, wie es Svenja Gräfen nennt: Unsere individuellen Möglichkeiten zur Selbstfürsorge sind begrenzt. Ich würde den Ball deswegen gerne wieder zurückspielen. Ins Außen. Wer Kinder hat oder einen Vollzeitjob oder pflegebedürftige Angehörige oder alles auf einmal, würde das Hamsterrad vielleicht gerne hin und wieder anhalten.

Setzt man eine Maus in ein Gefäß mit Wasser, beginnt sie sofort zu schwimmen und versucht, sich aus der misslichen Lage zu befreien. Doch bald erkennt sie die Sinnlosigkeit und lässt sich auf dem Wasser treiben. Dies ist ökonomischer. Gibt man der Maus ein Antidepressivum, verlängert sich die Dauer der Schwimmbewegungen.







Charles Darwin hätte angesichts dieses Experiments sicher in die Hände geklatscht. Nach seinen Evolutionstheorien „survival of the fittest“ oder „struggle for life“ kämpfen Lebewesen ums blanke Überleben. Nur die Fittesten schaffen es. Wollen wir das? Wir sind ja keine (Nage)Tiere! Was Menschen, die für sich und andere Sorge tragen, in Form von Erschöpfung fühlen, ist vielleicht ein Schutzmechanismus vor Überforderung, weil wir viel zu oft im Müssen gefangen sind.

Überforderung und Stress sind selten individuelles Versagen oder Fehlplanung, sondern größtenteils durch unsere Kultur und unsere Leistungsgesellschaft hervorgerufen. Deswegen darf man soziologische Herausforderungen nicht einzig und allein auf die Schultern des Individuums abwälzen. Auch nicht die Selbstfürsorge.


Daniel Schreiber schreibt in seinem Essay “Allein”: “Intuitiv reagiere ich häufig ablehnend auf Ideen von Self-care, nicht zuletzt, weil mir ihre Kommerzialisierung aufstößt. Grundsätzlich kann ich mich des Verdachts nicht erwehren, dass sie letztlich den ultimativen Sieg des neoliberalen Spätkapitalismus darstellen. Wir scheinen uns dazu bereit erklärt zu haben, unzählige strukturelle Probleme ungelöst zu lassen und die Verantwortung für ihre mentalen Folgen auf unsere eigenen Schultern zu nehmen.”

Wir funktionieren eben nicht losgelöst vom Rest der Welt. Niemand ist eine Insel und niemand kann vollumfänglich für die eigene mentale Verfassung verantwortlich gemacht werden! “Selfcare ist auch nur eine feuchtigkeitsspendende Ideologie”, schreibt Ann-Kristin Tlusty in einem Kommentar für “Die Zeit”. Aber was hilft dann? Susanne Mierau fordert in ihrem Buch “Füreinander sorgen – Warum unsere Gesellschaft ein neues Miteinander braucht”, dass Care als Thema mehr in den Fokus rückt – persönlich, finanziell, politisch. “Geschieht das nicht, werden wir wahrscheinlich durchaus als Menschheit noch eine Weile weiterexistieren. Aber es wird sich die Frage stellen, ab welchem Zeitpunkt wir uns noch als Menschheit bezeichnen können, wenn unsere zentrale Komponente, das soziale Miteinander, immer weniger respektiert und geschützt wird. (…) Wir haben, wenn wir bestehen wollen, eigentlich keine andere Wahl, als uns dem Miteinander, dem Füreinander und der Aufwertung von Care zu stellen und dafür jetzt gemeinsam einzustehen.”


Joan C. Tronto beschreibt Fürsorge als jene “Aktivität unserer Spezies, die alles umfasst, was wir tun, um die Welt zu erhalten, fortzuführen und wiederherzustellen, damit wir in ihr so gut wie möglich leben können”. Was bei Autos klappt, sollte auch beim Miteinander klappen. Wenn wir mit WeShare Autos teilen – können wir nicht auch unsere Sorge und Fürsorge teilen, indem wir gegenseitig besser aufeinander aufpassen? Von Self-care zu We-care! Bis das mit der fürsorglichen Demokratie klappt, bin ich dann mal bei mir und trällere Miley Cyrus, Ciao!

“I can buy myself flowers – Write my name in the sand – Talk to myself for hours – Say things you don’t understand – I can take myself dancing – And I can hold my own hand – Yeah, I can love me better than you can…”
 

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